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Blick zurück

Wenn ich mal sehr alt bin
werde ich viele Falten haben
und noch mehr zu erzählen
Ich werde mich auf einen Krückstock stützen
und voll sein mit allerhand Erfahrungen

Meine Knie werden schmerzen
denn ich habe damit viele Länder bereist,
Nächte durchtanzt und Berge erklommen
Meine Augen werden schwach sein
von all dem Sehen, aber die Bilder werden’s nicht
Ich werde trocken husten
und schmunzeln, wenn ich mich umsehe,
wenn ich an dies und das denke

Mein Herz wird manchmal schwer sein und schmerzen
weil es so voll ist und so oft höher geschlagen hat
gebrochen war es auch manchmal,
öfter auch geheilt
so viele Menschen werden ihren Platz darin
und ihren Weg hinein gefunden haben
und viele werde ich schmerzlich vermissen
Und falls ich manchmal weinen sollte
werde ich doch oft auch kichern
(wenn keiner hinsieht, denn ich bin jetzt seriös).

Meine Hände werden abgerieben und
vielleicht ein wenig zittrig sein
und noch immer staune ich, was ich damit
alles geschafft, geschaffen habe
Meine Ohren lassen nach, aber sie haben mir
so lange gute Dienste geleistet,
meinem Mund zugearbeitet, Ruhe und Musik transportiert
und mehr liebevolle Botschaften,
als sich ein Mensch je merken kann.

Mein Gedächtnis gibt mir Rätsel auf.
Aber ich habe immer gerne gerätselt.
Auch viel geschrieben und festgehalten.
Wie viel auch fehlt, es bleibt noch genug übrig,
um mich glücklich zu machen.
Meine Botschaften habe ich gelebt,
nicht auswendig gelernt.
Mein Wirken strahlte nicht durch etwas in die Welt
das man mir nehmen kann.
Was ich tat, hat längst seine Wege gefunden
und Wellen in Gang gesetzt,
wer weiß, was wann wo durch mein Wirken
losgetreten wurde?
Die Ungewissheit reizt und beruhigt mich.

Ich werde auch meckern und unzufrieden sein,
wir wollen realistisch bleiben.
Aber ich werde eine weise alte Frau sein,
vielleicht weniger weise als erfahren,
vielleicht mehr bereichert als erfahren.

Welch einen Schatz werde ich haben -
und wie leicht wird er sein,
geschaffen zum Teilen,
nicht zum Bangen.
Hach, wie freue ich mich darauf!

[130811; gewidmet meine Großeltern]

where it begins … (?)

Wie kann ich Verletzungen hinter mir lassen,
loswerden,
die ich inkorporiert, einverleibt habe,
mit mir herumtrage?

Die Traurigkeit,
die mich von innen auskleidet

Die Frustration, die wie bittere Galle
in der Brust sitzt

Die Scham, die in meinen Augen brennt

Die Angst, die wie kalter Schweiß
in meinem Nacken sitzt

die Unwürdigkeit,
die über meinem Mund liegt

der Ekel,
der von außen an mir klebt,

der Ärger, der heruntergeschluckt
in meinem Magen liegt

die Abwertungen,
die wie Fesseln um meine Beine liegen

die Zweifel,
die an meinem Rückgrad nagen

Doch zum Glück
der Kopf ist frei

Mein Mund voller Küsse

Meine Augen voller Blicke

Meine Ohren voll Lachen

meine Nase, mein Nacken, mein Bauch
lachen auch

Ich gehe bis die Fesseln fallen

Ich tanze
bis alles warm,
durchblutet von Leben ist

[120212]