Archiv für November 2018

Liebe Freund*innen. (Hold on to goldene Schnatz-Momente)

Liebe Freund*innen.
Viele von euch haben gerade zu kämpfen, mit euch, mit allem irgendwie. Dieser Herbst, scheint es, haut richtig rein und viele um. Sicher hat das, neben allen persönlichen Faktoren, auch mit der politischen Lage zu tun. Mit all den erschreckenden Bildern, grusligen Entwicklungen, bedrohlichen Szenarien, die Tag für Tag wie kalte Zugluft unter unsere Haut kriechen und da wie ein kalter Nebel kleben bleiben. (Ach ja, wie geringdosierte Dementoren, genau.) Wer weiß, vielleicht kommt dazu das Klima und seine Ausreißer, vielleicht ist unsere leibliche Stabilität in der dörrenden Hitze dieses Sommers eingetrocknet wie unser Rasen bis zu den Wurzeln und die wiederkehrende Kälte und Dunkelheit trifft uns unvorbereitet, als hätten unsere Körper in dieser wüstenhaften Zeit vergessen, was Herbst und anbrechender Winter heißt. Wie unvorbereitet stehe ich in einer Jahreszeit, die doch jedes Jahr vorhersehbar ist, die ich so oft erlebt habe. Naja, vielleicht hat es auch damit nichts zu tun.

Liebe Freund*innen.
Bitte lasst euch eure Hoffnung oder euren Lebenswillen nicht vergiften. Schaut euch um und seht, wer alles da ist: Queere Familien, feministische Freund*innennetze, WGs als geborgene Schutzhütten und als kämpferische Barrikaden gegen alles was da draußen brandet, politische Freund*innen und solche Menschen und Beziehungen, denen wir gar keine Namen geben können, aber die alles bedeuten, wofür wir stehen. Gerade in ihrer Verschiedenheit und mit ihren Eigenheiten.

Liebe Freund*innen.
Bitte seht, was alles noch geht. All das Gute, meine ich. Bitte lasst euch nicht den Atem rauben, eure Projekte und Pläne zu schmieden, die das Gute voller, schöner, glitzernder, stabiler machen. Es gibt so viele Möglichkeiten. Vergesst nicht, was alles Gutes passiert, wer von euren Freund*innen, von euch, von uns, allein dieses Jahr wundervolle Dinge geschafft, geschaffen, erreicht, überwunden hat. Die großen Geschenke und die kleinen, so unsagbar wichtig grundlegenden Schritte. Ich bin so dankbar, so viel davon mit euch zu teilen.

Liebe Freund*innen.
Bitte seid gut zu euch und schenkt euch selbst so viel Mitgefühl wie euren Lieben. Nicht weniger habt ihr verdient und es tut weh zu sehen, wenn ihr euch so behandelt, wie ich euch von niemandem behandelt sehen will. Sprecht nicht wie Unterdrücker*innen oder abuser mit euch selbst, don’t beat yourself down. Manchmal kann das der schwerste Schritt sein. Wir leben mit Unterdrückung und so viel kollektivem gaslighting; wir werden die Sichtweise der uns unterdrückenden Position vielleicht nicht los. Aber lasst sie uns aus unserem Inneren so weit wie möglich verbannen und verdrängen, bis sie nur noch an ein paar Punkten ganz außen in unseren Gliedmaßen sitzt, wo wir sie isolieren und von unserem tiefsten Inneren fernhalten. Gentrifizieren wir den shit out of our oppresser’s voice in uns. Nutzen wir den freigewordenen Raum für wertvollere Gefühle und Gedanken, bestärken wir uns lieber selbst – und diesen Raum einnehmen zu wollen kommt andere teuer zu stehen. Außer es bereichert uns, dann wollen wir ihn verschenken.

Liebe Freund*innen.
Findet den Punkt in euch drin, bei mir sitzt er irgendwo schräg rechts, zwischen Brust und Bauch, den ihr nur findet wenn ihr ganz ruhig seid und ohne Vorbehalte gegen euch selbst, der Punkt der wie ein feste Basis ist, an die ihr einhaken könnt, der euch grounded und euch sagt: du stehst mit beiden Beinen auf dem Boden und du stehst sicher genug, zu dir selbst, um weitergehen zu können. Aber für einen Moment bleib nur stehen und wisse, dass du nicht das ganze Getöse um dich herum bist, sondern dass es dich noch gibt und dass du genug bist, wenn du für dich alleine stehst.

Liebe Freund*innen.
Hört die Podcasts, bei denen ihr das Gefühl habt, dass euch jemand durch den Äther hindurch die Hand reicht und ihr euch festhaltet. Sucht die Bilder der Menschen, bei denen etwas in euch sagt: ja! Ja ja ja! Hört die Talks, seht die Serien oder schaut die Dokumentationen, die euch glauben lassen: es geht. Es geht anders. Es gibt Ansätze. Es gibt Mitgefühl. Es gibt Kämpfe, die sich lohnen. Es gibt Menschen, die für etwas wirklich Gutes eintreten.

Liebe Freund*innen.
Haltet in euch Ausschau nach Impulsen für Dinge, die ihr wollt. Wir haben das so oft verloren. Wenn es irgendwie möglich ist, macht das, was der Impuls euch sagt. Es ist so leicht zu sagen; tu dir was Gutes. Und manchmal so schwer zu wissen, was das wäre. Zu fühlen. Wenn ihr einen Impuls findet, der Ja! zu etwas sagt: fangt ihn ein wie einen Schnatz und folgt ihm, er gibt euch Kraft und Mut. Und die brauchen wir. Wir brauchen viele kleine goldene Schnatz-Momente. Wir brauchen unsere Kraft und unseren Mut und wir müssen Lachen und Pläne schmieden und genug schlafen und essen und wir brauchen feministisch Kreatives so sehr wie warme Socken, politische Utopien und einer Idee davon, worauf wir Lust haben.