„Feminists don‘t cry (in front of men)“

Manchmal hab ich Angst.
Nicht vorm Dunkeln, nicht vor Prüfungen oder Spinnen.

Manchmal hab ich Angstzustände
dann hängt sich alles an einer Sache auf
und meine Gedanken drehen sich immer schneller
unaufhaltsam darum.

Meistens geht’s um Konflikte in Beziehungen
(sehr weit interpretiert)
dann bekomme ich einen Tunnelblick
und dieser Konflikt steht im Zentrum
unverrückbar, auch wenn ich’s besser weiß
Fühle körperlichen Druck auf mir
und stehe unter akutem Handlungsdrang
bin aber völlig überfordert
fühle mich kein bisschen wirkmächtig
sondern hilflos, ausgeliefert,
rat- und hoffnungslos

Ich sehe in diesen Momenten nur
all das Problematische, Enttäuschungen und Bitteres:
sämtliche schlechten Erfahrungen
säuberlich aneinandergereiht
zu einem einzigen Erzählstrang verbunden
der mir nur sagt
dass es im Endeffekt doch immer so läuft
dass es keine Alternative gibt
dass alle anderen Eindrücke Täuschung waren…
Komme vom Hundertsten ins Tausendste
bin verwirrt, verunsichert:
wo stimmt denn meine Wahrnehmung noch?
Ich weiß nicht was tun

In diesen Momenten glaube ich an nichts
Fühle mich von allen allein gelassen
Habe Angst vor Isolation
und vor Leere
Bin überzeugt, dass ich als einzige einsam bin
dass ich über kurz oder lang
zurück gelassen werde
nicht komplett, aber wenns drauf ankommt

Ich habe Freund*innen
Menschen die mich schätzen, lieben, mögen
sich freuen mich zu sehen
sich um mich scheren

Aber in diesen Momenten
fühle ich das nicht
oder sie sind_scheinen unerreichbar

Manchmal hab ich Angstzustände
fühle mich isoliert und hilflos

Manchmal reicht ein Telefongespräch
weniger als 5 Minuten
um mich zurück zu holen
heraus aus dem Loch, zurück auf den Boden

Ihr seid da
und ich weiß das
… doch eigentlich

Ich zweifle nicht an euch
Ich vertraue auf euch

Diese kurzen Einbrüche
von Zeit zu Zeit
zeigen mir auch
was ich sonst so alles aushalte,
schlucke, trage, überbrücken muss:
gesellschaftliche Erwartungen nicht erfüllen
keine bürgerliche Perspektive
kein Karrierelebenslauf
kein beruhigender Lebensrhythmus
sondern ständiger Wechsel und Auseinandersetzungen
so viele Verantwortungen, Notwendigkeiten
und eine angesammelte Überlastung hier und da
… die ich dann doch zu spät bemerke

Meist schaffe ich das alles
- WIR schaffen das alles
gemeinsam, solidarisch, unterstützend
stehen uns in unseren Chaosen bei
Ich weiß das
ich glaube an uns

Nur ganz selten
manchmal brauche ich euch
um mir das zu sagen
Ich brauche dann eure Zuversicht
und dass ihr mich erinnert
an all das was ich ausblende:
die guten Erfahrungen,
die Wertschätzung,
das was wir haben,
die Möglichkeiten zur Veränderung,
eure Liebe, eure Freundschaft

Verzeiht mir diese Momente des Zweifels
ich habe Angst, ihr seht nur Überzogenheit
lasst mich dann wissen, dass ihr mich versteht
oder zu mir steht
wenn es so ist

Meistens weiß ich, ihr seid da
Fast immer bin ich mir sicher
dass ihr mich nicht zurücklasst
Zu allergrößten Teilen
halte ich all meine, deine, unsere Widersprüche aus
kann euch zur Seite stehen,
meine Probleme angehen,
Vertrauen geben, großzügig & zuversichtlich sein

Nur manchmal
ganz selten
klappt es nicht komplett.
Aber vielleicht ist das ja ganz normal.

[050715]