Wie ist Vertrauen in Strukturen möglich? (Part II – ‚taktische‘ Erwägungen)

Bestimmte Räume bewusst zu verlassen

– weil ich gemerkt habe (oft auf schmerzvolle Weise), dass meine Betroffenheiten & dementsprechend Notwendigkeiten/Bedürfnisse
hinsichtlich politischer, sozialer, persönlicher Handlungen
nicht gesehen, verstanden, respektiert, einbezogen wurden –

war für mich ein wichtiger Schritt

um meine eigenen Belange, meine Themen & Ziele,
meine Bedürfnisse, Grenzen und Kämpfe
auszuloten, zu erkennen, zu setzen.

Weil ‚Bündnispolitik‘ für mich oft klang nach:
‚opfere dein Anliegen den Kompromissen und folge den beherrschenden Setzungen‘

weil ‚Wir wollen doch alle das Gleiche!‘
meist hieß, meine Belange, Betroffenheiten & Kämpfe zum ‚Nebenwiderspruch‘ abzutun, zu delegitimieren, zu bagatellisieren

weil ‚Wir müssen mit allen reden‘
irgendwie immer hieß, mit Tätern zu reden und sie verstehen zu wollen, anstatt Betroffenen zuzuhören und Partei zu ergreifen;
den kack Status Quo damit zu stützen anstatt an ihm zu sägen.

Auf mich selbst gestellt
& mit gut ausgewählten Vertrauten
konnte ich tun,
was mir in den Strukturen (während meiner Zeit darin UND nach meinem Ausschluss daraus) nicht möglich war:

Herausfinden, wo eigentlich meine eigenen
auferlegten Beschränkungen,
meine Auseinandersetzungen,
meine laufenden (unsichtbaren) Kämpfe,
meine Ziele,
meine Herangehensweise,
meine Standpunkte & Grundsätze lagen.

In den Strukturen konnte ich dies nicht,
sie boten keinen Raum dafür,
erhielten einige Beschränkungen, Einschränkungen, Herrschaft gegen mich aufrecht –
offenkundig erst, als ich begann, mich dagegen auszusprechen, quer zu stellen, aufzulehnen
Clash

Auch wenn es nicht freiwillig geschah,
war es doch wichtig, sinnvoll, zielführend,
mich aus diesen Strukturen/Räumen heraus zu ziehen.

Die Zeit & der selbstgeschaffene Raum
(Raum nur für mich,
Raum mit Vertrauten,
teils kleine Räume separater Organisierung mit Menschen ähnlicher Betroffenheit, die sich auch selbst Räume schaffen mussten)
haben mich sehr weitergebracht

(oft jedoch auch frustriert, erbost:
dass diese für mich viel radikaleren Auseinandersetzungen, Hinterfragungen sowie die informellen und die separaten Räume
nicht zählen, keine Anerkennung erfahren,
da sie nicht Teil der akkreditierten Strukturen sind).

Mein Bruch mit den Strukturen
hat mich erst radikalisiert
– wie absurd,
dass es gerade diese Strukturen sind,
die sich als radikal bezeichnen
und doch nichts verstehen…

Jedoch ist das Problem:
selbgeschaffene, an Betroffenheit ausgerichtete Räume
sorgen für eine Auseinandersetzung mit den unterdrückerischen Strukturen
(nur) bei den davon Betroffenen
– die, welche diese Strukturen aufrecht erhalten & davon profitieren
werden sich an diesen Auseinandersetzungen nicht beteiligen, nicht ohne Zwang: aber genau sie müssten es, um es zu beenden:
(Wer kommt zu Veranstaltungen zum Thema Rape Culture?)
Unsere Expertise nützt uns nur bedingt,
solange sie unter uns bleibt.

Und solche Gruppen, welche sich über gemeinsame Betroffenheiten strukturieren,
aber auch zu ‚anderen‘ Themen arbeiten,
könnten evtl. von Zusammenarbeit mit ‚den anderen Strukturen‘ profitieren
– wenn nicht …

Es gibt durchaus sinnvolle Gründe,
sich in größeren Strukturen zusammen zu schließen,
Kooperationen einzugehen,
Bündnisse zu schließen,
Alternativen zu schaffen
– außer Frage

Und es kann für radikalere Politik,
für persönliche Safety
und für die Anerkennung bestimmter Betroffenheiten
sehr sinnvoll sein
sowohl informelle Netze
als auch separate, nach Betroffenheit formierte Räume/Gruppen zu schaffen
– auf jeden Fall!

Um also als Betroffene(_r) einer Unterdrückungsform,
welche sich auch in emanzipatorischen Strukturen findet, dort auftritt, wirkt, ausschließt, strukturelle Gewalt & Ausschlüsse reproduziert,
in diesen Strukturen (wieder) aktiv sein zu können
bedarf es oder empfiehlt sich:

- die Beibehaltung sowohl informeller Netze von Vertrauten
als auch der separaten Organisation, welche sich gegenüber der Strukturen ein Standing erkämpfen kann & wohl muss

- der Aufbau separater Strukturen als Parallele & Teil der großen Struktur

- Zusammenschlüsse autonomer Gruppen.

[Achtung Knackpunkt:]
- die Struktur, bzw. deren Vertreter_innen & Gruppen sollten:

→ ihre inneren Macht- und Herrschaftsverhältnisse verstehen (wollen)

→ die separate Orga anerkennen als legitim, notwendig & als Anstoß zur eigenen Weiterentwicklung

→ die Expertise der separaten Gruppe anerkennen, nutzen und umsetzen!

So ist ein Vertrauen(svorschuss) in die Zusammenarbeit mit anderen Gruppen/… auf struktureller Ebene denkbar!

[110315]