Se(h)lektionen aus dem Panoptikum

Nicht es auszusprechen
ist das Schwierige

sondern
mich zu zwingen
soweit zu denken
dass ich es
benennen kann

Ich sage
„Ich bin eine Frau“
und höre mich zögern

Ich sage
„Ich habe keine Erfahrungen von Gewalt“
und es bleibt
ein fades Gefühl in der Leere

Frau.werden
(weibliche Sozialisation)
habe ich immer als
gewaltförmig empfunden
als ausgrenzend, unterdrückend, verletzend
(nicht, dass ich die Worte dafür gekannt hätte)

Der scharfe Druck
gepresst zu werden in eine Form
       für jeden Millimeter meiner Haut
gibt es eine vorgeschriebene Norm
jedes bisschen meiner Selbst
       hat Regeln zu gehorchen
jeden Winkel meiner Haltung
       kenne ich, muss ich bedenken
jede Bewegung, jeder Schritt
       wird beobachtet, gewertet
jede Sekunde, jeder Inch, jedes Haar
       meines Daseins
ist in fertigen Kriterien
zu analysieren, beurteilen,
              verurteilen
Ich kenne jedes
       dieser Kriterien

wenn ich auf die Straße trete
im Bus esse
zum Sport gehe, oder nicht
       rattern, mit jedem streifenden Blick
       die Analyse-Scans & Evaluationen: wie viel bin ich wert?

Jedes Haar meines Körpers
       hat Regeln zu folgen
jedes kleine Teil meines Körpers
       bedeckt, verdeckt, gezeigt, verändert
       von Kleidung und Styling geformt zu sein
jede Äußerung, Bewegung,Präsentation
              meiner Person
       nach Maßen zu gestalten

Und ich werde zum Mitspielen
freiwillig
gezwungen

Denn wenn ich mich an die Regeln halte
ernte ich Anerkennung, Bewunderung vielleicht…
und ich bin auf ein gutes Urteil
       angewiesen
denn das heißt dann
       ich bin anziehend genug
       bin es wert
       begehrt zu werden
und das bedeutet Anerkennung
       Erfolg
       somit Glück

Ich komme doch
daran nicht vorbei

Und so zeigt mir
       jeder einzelne Blick
vorübergehend, im Augenwinkel
       ob ich heute
genug Kriterien erfülle
       um begehrt, anerkannt, … glücklich? zu sein
zeigt mir jede Reaktion
       wie viel ich heute wert bin
       in euren Augen

Ich weiß das
und ihr wisst das
und ihr, die nur beurteilt (mich, nicht euch)
schaut auf mich herab
und meint, ihr könnt es euch erlauben
über mich zu urteilen,
       verfügen
euch über mich zu stellen
mein ganzes Ich mit Füßen zu treten

Darum schaue ich nicht weg
wenn ihr mir auf der Straße begegnet
wenn ihr mir einen Anlass gebt
       den wertenden Blick
       in euren Gesichtern zu sehen
Ich sehe nicht weg
Ich sehe euch an
       und mein Blick sagt
Ich spucke auf auch
wenn ihr es wagt
mich bewerten zu wollen
wenn ihr glaubt, über mich verfügen zu können
Und dass ihr auch nur einen Funken von dem
       was ich an Verachtung fühle, an Wut
       verstanden habt
sehe ich, wenn ihr
       wegblickt
       verunsichert

Ich schaue nicht zu euch auf
Ich blicke
auf so viel Dummheit herab

Und heute weiß ich
die Mechanismen hinter dieser Gewalt
verstehe
Zusammenhänge von
Unterwerfung und dem Gefühl
nicht gut genug zu sein
sehe
dass andere davon profitieren
erkenne
den ganzen Ekel
der Selbstkasteiung, Erniedrigung, Bewertung, Übergriffe
Heute erkenne ich
dass der Fehler
nicht meiner ist

Und was nützt es mir
was nützt mir dieses Wissen
nach all den Jahren
einordnen lernen?
Gewissermaßen
ist es noch grausamer
Früher konnte ich mir noch sagen
Wenn du besser wirst, ja dann …
Heute weiß ich, dass das Quatsch ist
dass mir niemand gnädig zugestehen muss:
Gleichwertigkeit, Würde, Anerkennung, Glück …
Was nützt es für das Gefühl
– lang antrainiert –
nicht gut genug zu sein? … Es bleibt der fade Geschmack …

Zerbrochenes wächst nicht zusammen
Ein Mosaik daraus basteln …
Aus Scham und Schuld und
vergessener Selbstverständlichkeit
              von Fordern und Selbstvergessenheit …

Und jetzt, wo ich die Konsequenzen ziehe
euch vor die Füße kotze
was niemand mehr ausspricht

jetzt kommen junge Männer, freudestrahlend
schütteln mir die Hände und loben mich
und finden toll, was ich so tue …
Und ich bin
von all der Anerkennung verwirrt
bei aller Freude weiß ich nicht recht
was soll ich davon halten …

Und langsam dämmern die Fragen in mir:

Was seht ihr in mir
Was saht ihr gestern
und
was machte den Unterschied?

Wo wart ihr?
Wo seid ihr jetzt?

Wo wart ihr, als mal wieder
mich jemand behandelte
als kann er mich haben wenn er will?

Wo seid ihr
wenn mich Blicke taxieren?

Wo war eure Wut, als meine Freundin erzählte,
dass ihr jemand an die Wäsche wollte?

Wo habt ihr hingesehen, als auf eurer Party
Frauen angefasst wurden?

Wo bleibt eure Verachtung, wenn eure Kollegen einen ‚Witz‘ erzählen,
der mich ‚in meine Schranken‘ verweist?

Was tut ihr, wenn über heiße Bräute und hässliche Frauen geredet wird?

Wo bleibt eure Empathie, wenn ich durch die Szene im Film
herabgesetzt, gedemütigt werde?

Wo wart ihr, als alles war wie jetzt, nur
dass ich es noch nicht ausgesprochen hatte?

Wo werdet ihr sein, wenn mein Brief vergessen ist?

Wenn ihr nur kommt
um Credit zu kriegen
dafür, dass ihr mich beklatscht
dann spart euch eure Unterschrift

Aber wenn ihr etwas verstanden habt
dann fragt euch
wo in diesem Spiel ihr steht

       dann freut euch nicht
       wenn jemand euch Stärke, Kompetenz unterstellt
       und mich, die dabei ist, ignoriert

       dann brüstet euch nicht
       mit schönen Frauen;
       spart euch eure Kommentare

       dann räumt endlich ein
       dass ihr von dieser Scheiße profitiert

       dann stellt euch endlich Fragen
       und macht eure Klappe auf

       Dann überlegt euch
       was IHR tun könnt
       und was ihr lassen solltet

Meinen Widerstand      könnt ihr nicht kaufen
Mein Widerstand
              gehört nur mir

[151212]